YogaSutra 1 - 4

Das Yoga Sutra des Patanjali gilt als das maßgebliche Werk des gesamten Yoga. Beim ersten Lesen fällt sofort die extreme Kurzform der Sprache auf, die für das Sutra bezeichnend ist. Dies liegt an der für diese Zeit üblichen Form der mündlichen Informationsweitergabe – die Kernaussagen bleiben erhalten, der Ballast fällt weg und die Möglichkeit einer fehlerfreien Weitergabe steigt. Aus diesem Grund bleibt das Yoga Sutra allerdings auch vielen Lesern bis heute verschlossen, da die Dinge, die man in einem modernen Prosatext zu lesen bekäme hier durch das Wissen um die damalige Zeit, deren Denken und die vorherrschenden philosophischen Ideen ergänzt werden müsste, wäre es vorhanden.

Patanjali, Yoga Sutra 1.1:

I „ATHAYOGANUSHASANAM“ – Die Einheitsübersetzung

In der Übersetzung könnte man dieses Sutra auf die Wurzeln „Atha“, „Yoga“ und „Anushasanam“ zurückführen. Diese stehen für „Jetzt“ (Atha), Yoga und „Eine Einführung in /Auf Erfahrenem beruhend“ (Anushasanam).

Wenn wir diese simple Wortreihenfolge einen Moment wirken lassen, mag man auf die Übersetzung „Jetzt folgt eine Einführung in Yoga“ kommen. In der Tat legen viele, die das Yoga Sutra kommentiert haben diesen ersten Satz genau so aus und messen ihm keine weitere Bedeutung zu. Dies soll nicht heißen, dass ich die Interpretationen meiner Kollegen für unzureichend halte; ich neige zur wie jeder andere Mensch auch dazu, eigene Schwerpunkte zu setzen und den Dingen eine tiefer Bedeutung beizumessen, die mich persönlich ansprechen. Insofern möchte ich mit diesem kleinen Text einen Denkanstoß geben – inspirieren, aber nicht überreden.

Nun aber zurück zum Thema. Patanjali, dessen bürgerlicher Name unbekannt bleibt, lebte datiert um die Zeit Christi. Datierungen schwanken von 200v. Chr. bis 400 Jahre später. Wer sich nun vage an das vielleicht einmal erlernte oder gelesene erinnert, wird in seinem Gedächtnis eine Zeit des Wandels finden. Nach Jahrhunderten einer stark Brahmanisch (von der Priesterkaste) diktierten Gesellschaft, sorgten im Jahr 600 bis 500c. Chr. Buddhas Lehrreden für eine gesellschaftliche Umorientierung. Die bis dahin gepredigte Abgabe der Eigenverantwortlichkeit wurde durch deren Rückkehr in vielen Teilen der Gesellschaft ersetzt. Die Ideen Buddhas waren für die damalige Zeit revolutionär und enthielten klare Anweisungen für seine schnell wachsende Anhängerschaft, für die eigene spirituelle Entwicklung Verantwortung zu tragen.

Zentraler Punkt der Lehren Buddhas war und ist die Achtsamkeit. In jedem Augenblick unseres Lebens achtsam zu sein, uns also über jeden Schritt unserer Handlungen, unseres eigenen Denkens und sogar unserer innerer Fallstricke bewusst zu werden, bildet die zentrale in den Alltag übertragbare Kernlehre des Buddhismus.

Unterstellen wir Patanjali einmal, dass er zwar ein großer Denker, Visionär und vielleicht Erleuchteter war, so wissen wir doch, dass alle klugen Köpfe der Weltgeschichte ihre Ideen und Inspirationen auch den Umständen ihrer Zeit zu verdanken haben. Buddha hatte seine Spuren hinterlassen, seine Ideen wurden von anderen Schulen aufgegriffen, neu interpretiert und weiterentwickelt. So wuchsen auch sicherlich die Ideen des Yoga Sutra nicht ausschließlich auf Patanjalis eigenem Gedankengut, denn er war zu seiner Zeit auch ein Produkt des damaligen Denkens oder zumindest der vorherrschenden Ideologien und philosophischen Kernideen.

II“ATHAYOGANUSHASANAM“ – Erweiterung durch Buddhas Achtsamkeit

Wenn wir uns also vielleicht jetzt erneut dem ersten Satz nähern wollen, könnte das Wort „Atha“ (Jetzt) eine völlig neue Bedeutung erfahren. Nur wenn wir Yoga als etwas begreifen, was jetzt, in diesem Augenblick und mit voller Achtsamkeit stattfinden kann, nähern wir uns doch im Kern auch dem, was wir vom Yoga erwarten – dass es uns, wenn es voll zur Blüte kommt, in jedem Augenblick absolut wachsam sein lässt. Wäre der Gedanke nicht verlockend – Herr über die eigenen Sinne zu sein, die volle Kontrolle über die eigenen geistigen Fallstricke und inneren Weichenstellungen zu besitzen?

Dies alles verspricht der Weg des Yoga nach Patanjali, warum also nicht bereits im ersten Satz darauf hinweisen, zumal so viele Yogalehrer in ihren Stunden 1.2. predigen – nicht auch 1.1 – als Kurzaussage einer lebbaren Form für die Inhalte des Yoga Sutra: „Seit wachsam, achtsam in jedem Augenblick, und Yoga wird gelingen!“

Wenn wir also jetzt die neue Interpretation, bzw. unsere erweiterte Sichtweise nochmals durch die Brille der buddhistischen Sichtweise betrachten, könnte eine andere bedeutende Aussage Buddhas auch noch für das Wort „Anushasanam“ bedeutsam werden. Buddha sagte noch auf seinem Sterbebett, man solle seine Lehre lebendig halten. Er war Zeit seines Lebens von dieser Einstellung überzeugt und forderte seine Jünger stets auf, das von ihm gesagte auf die jeweils für sie gültige Richtigkeit und Nachvollziehbarkeit zu überprüfen.

Wir alle wissen, dass wir verschieden sind. Wir betrachten die gleiche Angelegenheit aus verschiedenen Winkeln und gelangen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wenn wir etwas so wertvolles und für unsere eigene Entwicklung hilfreiches wie den Weg des Yoga also wirklich für uns nutzen wollen, muss er sich uns auch auf unsere ureigene Art erschließen. Dazu bedarf es einiger Richtlinien und Anweisungen, aber den Weg müssen wir selbst beschreiten – nur dann können wir Erfahrungen machen.

III „ATHAYOGANUSHASANAM“ – Überprüfung auf die eigene Richtigkeit

Interpretieren wir also den Begriff Anushasanam in seiner zweiten Übersetzung, dann impliziert diese für mich ganz klar die Aussage, dass Yoga nur dann wirken kann, wenn es im Hier und Jetzt stattfindet und in diesem Sinne vor allem auf eigener Erfahrung, eigener Überprüfung und tatsächlich erlebbarer Praxis stattfindet.

Insofern bedeutet der Begriff des Anushasanam auch, dass es keine Dogmen geben kann, die – abgesehen davon, sich und andere nicht zu verletzten und achtsam zu bleiben – unsere Praxis einschränken und ihnen einen Stempel oder eine Überzeugung aufdrücken, die aus eines anderen Menschen Gehirnwindungen stammen.

IV „ATHAYOGANUSHASANAM“ – Zusammengesetzt

„Handle jetzt, hier und voller Achtsamkeit, überprüfe, was Du jetzt, in diesem Augenblick fühlst, benötigst, ohne andere dabei einzuschränken. Überprüfe die Dinge auf ihre für Dich nachvollziehbare Richtigkeit und handle danach – das ist Yoga!“

Nachdem ich mich in meinem ersten Blog mit dem direkten Einstieg des Yoga Sutra beschäftigt habe, möchte ich natürlich mich konsequenter Weise nun mit der zweiten Aussage Patanjalis zum Thema Yoga beschäftigen.

Ihr könnt also auch jederzeit gerne zwischen den einzelnen Blogs hin- und herwechseln, um eventuell verpasste Inhalte nachzulesen.

Patanjali, Yoga Sutra 1.2:

I „YOGACITTAVRITTINIRODAHA“ – Die Einheitsübersetzung

Oft wird dieser zweite Abschnitt des Yoga Sutra mit den Worten: „Yoga ist das befrieden des Geistes“ oder „Die Gedanken zur Ruhe bringen“ übersetzt. Ich möchte mich diesen Erläuterungen ebenfalls anschließen, es allerdings ein wenig ausführlicher darstellen, um es für den Alltag greifbarer zu machen.

Zunächst besteht der Abschnitt aus den Worten: „Yoga“, „Citta“, „Vritti“ und „Nirodaha“.

Als ich diesen Text zum ersten mal las, fiel mir der Begriff des „Citta“ auf, welcher zwar oft mit Geist übersetzt wird,ursprünglich jedoch nicht  das bedeutet, was wir im Westen unter „Geist“ verstehen. Aus diesem Grund möchte ich die Übersetzung  „meinendes Selbst“ benutzen.

Der Begriff „Yoga“ geht auf die Sanskritwurzel „Yuji“ zurück, was mit Anschirren übersetzt werden kann. Dies impliziert bereits eine praktische Komponente, die ja auch seit jeher gelebt wurde. Yoga wurde bereits vor der Zeit Patanjalis vor allem mit den Begriffen „Jnana“ (Wissen) und „Karma“ (Ursache-Wirkungs-Prinzip) verbunden und diente den Menschen seit jeher als praktikalbler Weg, sich in ihrem Leben zurechtzufinden.

Das Wort „vritti“ kann ganz simpel mit „Bewegung“ übersetzt werden und der Begriff „Nirodaha“ bedeutet so viel wie „Zur Ruhe bringen“, „Auslöschen“ oder „Verhinderung“.

Wenn wir also die Begriffe „Yoga citta vritti nirodaha“ zusammelegen, haben wir die Übersetzung, dass Yoga die Verhinderung der Bewegung des meinenden Selbst ist.

Was aber können wir für uns aus dem Begriff „Citta“ ziehen und welchen Nutzen kann es für den Alltag haben, dieses „meinende Selbst“ in uns zur Ruhe zu bewegen?

II „Citta“ – Psychologisch betrachtet

Wenn man Probanden Bilder von ihnen unbekannten Menschen zeigt, sind sie nach weniger als 5 Sekunden in der Lage, eine explizite Vorstellung von der agebildeten Person zu entwickeln. Die Probanden glauben die Stimme der Person zu kennen, ihre grundlegenden Neigungen, ihren sozialen Status und sogar Charaktereigenschaften – obwohl sie lediglich ein Bild als Grundlage gesehen haben.

Diese Assoziativen Fertigkeiten haben wir Menschen uns in den vergangenen Jahrtausenden erworben, um die komplexen Anforderungen eines immer schneller werdenden Lebens gerecht zu werden. Wir ökonomisieren in unseren Köpfen, um nicht permanent über alle Sinneseindrücke nachdenken und diese überprüfen zu müssen. Wir filtern die Informationen je nachdem wie unsere inneren Filter gerade eingestellt sind.

All diese Dinge laufen in sehr kurzer Zeit ab. Man kann sich vorstellen, dass unser Gehirn  permanent Gedanken entwickelt und diese mehr oder minder sichtbar an die Oberfläche unseres Denkens sprudeln. Wann immer wir mit unserer Umwelt in Kontakt treten, werden diese meist assoziativ erzeugten Ideen aufgegriffen, ggf. logisch hinterfragt und bilden unsere Meinungen und Entscheidungsgrundlagen.

Dabei tun wir aber zwei entscheidende Dinge:

1) Wir sind denkfaul – wir sprudeln zwar den ganzen Tag, hinterfragen aber nur die Dinge, die uns wirklich fremd oder kompliziert vorkommen. Damit ist ein Großteil unserer täglichen Entscheidungen rein intuitiv, also auch unser Urteilen und Einordnen von Menschen und Situationen.

2) Wir vertrauen unserem System und bilden aufbauend auf diesem System Wertevorstellungen und Vorannahmen, Urteile und innere Wahrheiten, auf denen wir wiederum spätere Entscheidungen aufbauen lassen.

Könnten wir also einen Weg finden die permanente Bewegung unseres Gedankenrades zu verlangsamen oder gar anzuhalten, so hätten wir offensichtlich eine Reihe von Vorteilen auf der Hand, weniger voreingenommen und vorschnell zu werten und zu handlen – schlicht wir würden in den Zustand des Yoga eintreten.

Dabei spielt in unsere täglichen Praixs vor allem erneut die Achtsamkeit, die Selbstbeobachtung und Reflexion eine entscheidende Rolle, dieses Ziel erreichbar werden zu lassen. Ein erster Schritt kann beispielswiese sein, sich seiner inneren Bewertungen und vorschnellen Reaktionen bewusst zu werden, indem wir uns jedes mal, wenn wir uns zu ärgern beginnen einfach einen Augenblick nehmen und hinterfragen, was wirklich geschehen ist und welchen „inneren“ Beitrag wir dazusteuern. Vielleicht werden wir sogar feststellen, dass unser eigener Beitrag der größere ist und wenn wir diesen Erkenntnisprozess nutzen, es uns zur Gewohnheit werden zu lassen, zureflektieren und zu hinterfragen, wird der Zustand des Yoga mit Sicherheit kommen.

III „YOGACITTAVRITTINIRODAHA“ – Im Alltag

„Yoga ist der Zustand, in dem wir es schaffen geistige Ruhe und Klarheit zu erschaffen. Die Identifikationen mit unserem bewertenden Denken nimmt ab und wir erkennen die Dinge direkter und ungefilterter.“

Nachdem ich mich in den ersten beiden Blogs mit jeweils eines Sutra beschäftigt habe, möchte ich nun zwei Sutren gleichzeitig behandeln.

Patanjali, Yoga Sutra 1.3:

TADA DRASHTUH SVARUPE VASTHANAM

Hier steh der Begriff „tada“ für „dann, darauf folgend“, „drahta“ ist das „sehende oder wahrnehmende Selbst“, die beiden Begriffe sva(selbst) und rupyam (Form) stehen zusammen als „eigene Form“ und schließlich begegnet uns der Begriff „avashtana“, was mit „Wohnsitz“ übersetzt werden kann.

Wir hatten uns ja bereits im 2. Sutra mit den Bewegungen des meinenden Selbst beschäftigt, die es nach Patanjalis Meinung gilt zur Ruhe zu bringen, bzw. zielgerichtet einzusetzen, um unssere bewertende Betrachtungsweise der Welt zu objektivieren. Der Zustand des Yoga, so 1.2, ist der Punkt, an dem wir die Bewegungen des meinenden Selbst so kontrolliert haben, dass wir das Leben unverfälscht wahrnehmen.

„Tada“ aus 1.3 bezieht sich also auf das Gelingen dieses Zustandes. Wenn wir es also schaffen die Bewegungen unter Kontrolle zu bekommen, „dann“ = „tada“ folgt die eigentliche Aussage von 1.3.

Was bedeuten aber die Worte „sehendes Selbst“ „eigene Form“, „Wohnsitz“? Nach hinduistischer Auffassung, die für Patanjalis Werk prägend war, ist der Mensch in seiner wahren Natur lediglich auf seinen innersten Wesenskern reduzierbar. Wir würden dies im Westen vielleicht am ehesten mit dem Begriff Seele übersetzen – Patanjali bezieht sich auf den „Atman“ oder „Purusha“, den innersten, göttlichen Kern in uns, der in seinem Wesen frei ist von jedweder Form, Schuld oder Eigenschaften.

Wenn Patanjali also vom „sehenden Selbst“ spricht meint er genau diesen inneren Wesenskern in uns, den es zu finden gilt. Ist also der „Wohnsitz“ = „avasthana“ dieses Wesenskerns seine eigene Form („Svarupyam“), weilen wir in diesem Moment in unserem eigenen Wesenskern, wir erkennen also unsere innere Struktur, erleben unser wahres Wesen, frei von Konditioniertheit und Konzepten.

Patanjali, Yoga Sutra 1.4:

VRITTI SARUPYAM ITARATRA

Aufbauend auf dem eben gesagten von 1.3, baut 1.4 mit dem Statement: „itaratra“ = „in anderen Situationen“ „vritti“ = „gedankliche Aktivitäten“, „mit der Form“ = „sarupyam“ auf. Mit anderen Worten, wenn wir den Zustand des Yoga nicht erreichen, ruht das „sehende Selbst“ nicht in seiner eigenen Form sondern folgt den „vrittis“, den Bewegungen des Geistes.

Erreichen wir also den hohen Zustand geistiger Klarheit nicht, sind wir nicht in der Lage unseren wahren Wesenskern zu erkennen. Wir bleiben Gefangene unserer eigenen Wahrnehmung und nehmen die Welt in Abhängigkeit von den Bewertungen und Verzerrungen unseres Geistes wahr.

Wie wir also erkennen können, bauen die Abschnitte 1.3 und 1.4 direkt auf den ersten beiden Sutren auf. Sie zeigen uns, was passiert, wenn wir den Weg des Yoga gehen – und was geschieht, wenn wir ihn nicht gehen.

Für den Alltag bedeutet dies also etwas genauer ausgeführt –  schaffen wir es, Achtsamkeit wirklich fest in unser Leben zu integrieren, vielleicht nicht direkt unseren innersten Kern zu entdecken aber vielleicht schon einen ersten Schritt zu gehen – Dinge anders zu sehen. Wenn wir es also schaffen, den Verzerrungen unseres Geistes mit so viel Abstand und Mut zum Hinterfragen zu begegnen, dass wir uns von den ersten aufkommenden Bewertungen unseres Geistes nicht abhängig machen – wenn wir es schaffen, uns nicht von den ersten aufkommenden Gefühlen übermannen zu lassen und danach die „Pferde mit uns durchgehen“,  werden wir nach und nach Herrscher unserer eigenen Gemütslagen. Wir erkennen, dass wir eine Wahlmöglichkeit für verschiedene innere Wege haben, eine Wahlmöglichkeit zu anderen Urteilen und Bewertungen zu gelangen – wenn wir sie nutzen.

„Erreichen wir den Zustand geistiger Klarheit, den uns der Yogaweg ermöglicht, erreichen wir auch die Kontrolle über unsere inneren Beweggründe, die uns handeln lassen. So wird auch unser Handeln durchdrungen von Klarheit, Umsicht und Mitgefühl für Andere.“